Prof. Dr. Harald Steppling, Prof. Dr. Peter Feindt und Prof. Dr. Johannes Weßling (stehend v. l.) mit dem Patienten Wilhelm Krause in der Kabine zur Messung der Lungenfunktion.

Lungenkrebs entwickelt sich schleichend

[27.05.2014]

„Ich fühlte mich kerngesund!“, Wilhelm Krause erinnert sich an den Tag zurück, an dem die Ärzte ihm mitteilten, dass ein kleiner Tumor auf dem CT-Bild seiner Lunge zu sehen sei. „Ich habe früher sehr viel geraucht, die erste Zigarette gab’s nach dem Aufwachen schon auf der Bettkante“, berichtet der 77-Jährige. 1995 folgte er einem Aufruf in der Zeitung, in dem regelmäßigen Rauchern angeboten wurde, an einer medizinischen Studie teilzunehmen.

Das war sein Glück, der Krebs befand sich in einem sehr frühen Stadium und konnte erfolgreich operiert werden. „Das ist ein anatomischer Fehler unseres Körpers, in der Lunge befinden sich keine Nerven, die bei einer Lungenkrebserkrankung Alarm schlagen könnten“, erklärt Prof. Dr. Peter Feindt vom Lungenkrebszentrum des Clemenshospitals. Dem einzigen von der Deutschen Krebsgesellschaft zertifizierten im Münsterland. Sein Chefarztkollege Prof. Dr. Harald Steppling schildert die Folgen dieses zunächst schmerzlosen Verlaufs: „70 Prozent aller Lungenkrebsfälle werden erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt. Oft ist es dann zu spät.“

Anlässlich des bevorstehenden Weltnichtrauchertages am 31. Mai informierten die Experten über die Gefahren des Lungenkrebses, deren Hauptursache für sie klar ist, „85 Prozent aller Fälle gehen eindeutig auf das Rauchen zurück“. In Deutschland sterben jedes Jahr 45.000 Menschen an Lungenkrebs. Der Chefarzt der Radiologie des Clemenshospitals, Prof. Dr. Johannes Weßling, verweist bei der Früherkennung auf Studien aus den USA, wonach Lungenuntersuchungen im Computertomographen (CT) mit einer niedrigen Strahlendosis die Sterblichkeitsrate um 20 Prozent gegenüber dem herkömmlichen Röntgenbild verringert hätten, weil Tumoren auf diese Weise in einer frühen Phase erkannt werden konnten. Ein solches Angebot würde sich speziell an Angehörige der Risikogruppen richten, an regelmäßige Raucher oder Menschen, die zum Beispiel mit Asbest gearbeitet haben. Weßling verweist darauf, dass ein solches Angebot gegenwärtig in Deutschland allerdings nicht zulässig ist.

Screening-Untersuchungen erfolgen grundsätzlich im Rahmen der gesetzlichen Vorsorge und unterliegen dabei  strengen Voraussetzungen, insbesondere hinsichtlich des Nutzen-Risikoverhältnisses und der Qualität in Technik und Befundung. Leider, so Weßling, lassen sich bundesweit dennoch Vorstöße registrieren, die sehr „methodenzentriert“ die Niedrigdosis CT Untersuchung als Einzelmaßnahme zur Lungenkrebsfrüherkennung und ohne Einbettung in ein strukturiertes Früherkennungsprogramm propagieren. Die Chefärzte sind sich darüber einig, dass diesem Vorgehen gegenwärtig jegliche Rechtsbasis fehlt und alles getan werden muss, um ein solches sogenanntes "graues Screening" zu unterbinden.

Der weitere medizinische Wissenszuwachs wird in absehbarer Zeit eine bessere Risikoeinordnung von Betroffenen (Risikostratifizierung) und damit eine zielgenauere Vorsorge für den Lungenkrebs möglich machen. Hier sind insbesondere die Daten von sechs europäischen Untersuchungen abzuwarten, die in den nächsten Jahren vorliegen werden.

„Leider werden nur 20 Prozent aller Erkrankten in zertifizierten Lungenkrebszentren behandelt“, bedauert Prof. Dr. Peter Feindt und stellt heraus, dass nur in einem Team unterschiedlicher Fachrichtungen eine zielgerichtete Therapie stattfinden kann. Das Lungenkrebszentrum des Clemenshospitals ist Partner in der „Münsteraner Allianz gegen Krebs – MagKs“.