In seinem Zimmer in Münster freut sich Prof. Herbert Vorgrimler bereits auf die Reise nach Freiburg, wo er sein diamantenes Priesterjubiläum feiern wird.

Professor Herbert Vorgrimler feiert 60-jähriges Priesterjubiläum

[22.03.2013]

Am 22. März blickt der Theologe Herbert Vorgrimler auf ein 60-jähriges Priesterleben zurück. Er ist Diözesanpriester des Erzbistums Freiburg im Breisgau. 1953 empfing er die Priesterweihe durch den Freiburger Erzbischof Wendelin Rauch.

1941 im beschaulichen Freiburg, der 12-jährige Herbert Vorgrimler sitzt über die Schreibmaschine seiner Mutter gebeugt, er vervielfältigt die Predigten des Münsterschen Bischofs Clemens August von Galen gegen die Ermordung Kranker und Behinderter durch die Nazis, gehalten wenige Wochen zuvor im fernen Münster. Die dünnen Bögen werden der Feldpost untergeschmuggelt, um die Soldaten an der Front über das wahre Gesicht des Regimes aufzuklären, für das sie kämpfen und sterben. „Wenn man uns damals erwischt hätte…“ Vorgrimler fährt sich mit den Fingern über den Hals. Glücklicherweise wurden weder der Junge noch sein Auftraggeber, der Priester Josef Vienenkötter, erwischt und so begann eine theologische Biographie, die im Nachkriegsdeutschland kaum ihresgleichen findet.

Vorgrimler wurde 1929 im erzkonservativen Freiburg geboren. „Die Freiburger Bevölkerung war sehr für die Zentrumspartei. Man hätte einen Besenstil aufstellen können, wenn er schwarz gewesen wäre, hätten die den auch gewählt“ erinnert sich Vorgrimler an seine Jugend. Dennoch waren seine Eltern Pazifisten, der Vater war im Deutschen Caritasverband in leitender Position tätig, sprach sieben Sprachen. Nach dem Krieg war er für die Verteilung der ausländischen Hilfsgüter zuständig, nach dem Wirtschaftswunder wendete er sich der Arbeit für die Entwicklungsländer zu.
Früh lernte Vorgrimler den Prälaten Alfons Eckert kennen, der eine Altargemeinde aufgebaut hat, bei der sich die Mitglieder sicher sein konnten, „dass keine Nazispitzel dabei waren“ wie der Theologe berichtet. Über Eckert kam der junge Mann auch mit dem Schriftsteller Reinhold Schneider in Kontakt, dessen Sonette katholisch-pazifistisch geprägt waren.  Als Herbert Vorgrimler klar wurde, dass er ebenfalls Theologe werden wollte, stellte sich die Frage nach einem Studium in Rom oder im österreichischen Innsbruck. „In Rom hätte ich während der sieben Jahre nicht nach Hause fahren können, in Innsbruck schon. Dort gab es auch die besseren Lehrer, zum Beispiel die Gebrüder Hugo und Karl Rahner.“ So studierte er in Freiburg und in Innsbruck Theologie und Philosophie. 1953 empfing er die Priesterweihe, zu der er von einem reichen Onkel in den USA 800 D-Mark geschenkt bekam, gedacht eigentlich für die Anschaffung eines Kelches. „Kelche gab es aber in den Kirchen schon genug, da habe ich mir von dem Geld lieber ein gebrauchtes Motorrad gekauft“ berichtet Vorgrimler verschmitzt. 1958 promovierte er zum Doktor der Theologie bei dem ebenfalls in Freiburg geborenen Jesuiten Karl Rahner, damals Professor für Dogmatik und Dogmengeschichte in Innsbruck. Für elf Jahre war er Rahners engster Mitarbeiter, über dessen Denken und Leben verfasste Vorgrimler seit 1963 mehrere Bücher.

Zur Zeit des zweiten Vatikanischen Konzils war ihm die Bearbeitung der Frage nach dem ständigen geweihten Diakonat in der Kirche anvertraut. Auf das Konzil ging auch seine Freundschaft mit dem Wiener Kardinal Franz König zurück, der ihn zu mehrjährigen Arbeiten im vatikanischen Sekretariat für die Nichtglaubenden heranzog. Aufgabe dieses Sekretariats war, den Dialog mit den kommunistischen Ostblockstaaten zu suchen. Hierbei war es Vorgrimler immer wichtig, auch die unter Repressalien leidenden Christen dieser Länder nicht aus dem Blick zu verlieren. Dennoch machte er sich mit seiner Hinwendung zum Osten nicht nur Freunde, in einem Leitartikel der FAZ wurde er massiv angegriffen,  Fürsprecher fand er seinerzeit unter anderem in Karl Rahner und in Heinrich Böll.

Vorgrimler betreute für König den ersten maßgebenden dreibändigen Kommentar zu den Konzilstexten, die darin von den wichtigsten Konzilstheologen interpretiert wurden. Eine Frucht des Konzils war auch das „Kleine Konzilskompendium“ aller Konzilstexte mit Erklärungen, das er zusammen mit Karl Rahner 1969 erarbeitete und das bis heute 35 Auflagen erfuhr. Für diese Arbeit durfte Vorgrimler die gesamten Akten des Konzils einsehen. 1968 wurde er zum Professor für Dogmatik an der staatlichen Theologischen Fakultät im schweizerischen Luzern berufen, an der er  bis 1972 verblieb. In Luzern erlebte er, wie pazifistische Studenten als Folge des Konzils den Kriegsdienst verweigerten und dafür ins Gefängnis gingen. Eine bleibende Erinnerung für den Mann, dessen pazifistische Haltung bis heute stark ausgeprägt ist.

Danach übernahm er die Nachfolge Karl Rahners an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, an der er bis zur Emeritierung 1994 wirkte. Er hatte ein großes Echo bei den Studierenden, betreute 23 Doktorarbeiten, Hunderte von Diplom- und Staatsexamensarbeiten und war ein gesuchter Prüfer in der damals größten theologischen Fakultät mit über 3.000 Studierenden. Dreimal wurde er zum Dekan der Fakultät gewählt.

Als Theologe arbeitete er vor allem in den Gebieten Gotteslehre, Sakramententheologie und Eschatologie, denen er mehrere Bände widmete, dazu kamen seine Werke als Dogmengeschichtler zu den Themen Buße und Krankensalbung, Geschichte der Hölle und Geschichte des Paradieses und des Himmels. Viele seiner Bücher wurden im Ausland übersetzt, vor allem auch das „Kleine Theologische Wörterbuch“, 1961 mit Karl Rahner verfasst, 2000 von Vorgrimler als „Neues Theologisches Wörterbuch“ neu bearbeitet. Dazu kamen mehrere Bände mit spirituellen Meditationen. Vielfach aufgelegt wurde ein Buch über Engel.

Mit Erich Zenger wandte er sich dem jüdischen Erbe im christlichen Glauben zu, von 1994 bis 2004 gehörte er mit ihm der Arbeitsgruppe „Fragen des Judentums“ bei der Deutschen Bischofskonferenz an. In mehreren Reisen führte er befreundete Menschen, darunter auch Bischöfe und Ärzte, durch die „Heiligen Länder“ des Nahen Ostens.

In seiner Studienzeit und von 1958 bis 1972 übernahm er in Ferienzeiten die Vertretung seines Heimatpfarrers in Freiburg, in seiner münsterschen Zeit half er in seinem Wohnort Altenberge in der Seelsorge. Nach seiner Emeritierung 1994 war er als Hilfs-Seelsorger im Clemenshospital in Münster tätig, 1995 wurde er dort der ehrenamtliche Leiter der Seelsorge und Rektor der Klinikkirche. Bis heute versieht er den Dienst für würdige Liturgie an den Sonn- und Werktagen, vor allem auch für den Konvent der Clemensschwestern. 2005 gründete er das Klinische Ethik-Komitee, das er bis heute leitet. Er arbeitete mit an einer Gedenkschrift für Erich Zenger, an einer Festschrift für Antonio Autiero, und verfasste jüngst eine Biographie von Papst Johannes XXIII. Das diamantene Priesterjubiläum feiert Vorgrimler am 22. März in seiner Heimat Freiburg. „Meine ehemalige Kapelle ist heute allerdings ein Kindergarten“ berichtet Vorgrimler.