Schmerzmanagement ist so wichtig wie Blutdruckmessen

[13.07.2010]

Allein in Deutschland leiden rund 15 Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen. Immer noch glauben viele Menschen, gerade im Krankenhaus starke Schmerzen aushalten zu müssen. Diese Situation wird in Münster durch ein weltweit einzigartiges Forschungsprojekt auf kommunaler Ebene beleuchtet. Ziel dieses Projektes ist eine optimale Schmerzversorgung für alle betroffenen Patienten. Im Clemenshospital zieht das Aktionsbündnis Schmerzfreie Stadt Münster nach der ersten Befragungsetappe eine Projekt-Zwischenbilanz.

Über 3.000 Krankenhausbetten gibt es in den sechs im Projekt untersuchten münsterischen Krankenhäusern. Im Clemenshospital, das elf Fachabteilungen und 405 Betten beherbergt, ist die Behandlung der Schmerzen so elementar wie das Messen des Blutdrucks und der Körpertemperatur: „Egal ob Pflegender oder Arzt: Schmerzmanagement ist das erste, was jeder lernen muss, der hier eine Stelle antritt“, so Prof. Dr. Ralf Scherer, Ärztlicher Direktor. Das Wichtigste dabei: Die Messung der Schmerzintensität. „Bei der speziellen Schmerztherapie befragen wir unsere Patienten mehrmals täglich“, berichtet Scherer.
„Um möglichst alle Patienten schmerztherapeutisch individuell und umfassend zu betreuen, braucht es effektive Strukturen in den Kliniken“, erläutert Projektleiter Prof. Dr. Jürgen Osterbrink bei der Vorstellung des Aktionsbündnisses mit bundesweitem Modellcharakter. Dass diese Strukturen keinesfalls selbstverständlich sind, zeigen Ergebnisse aus dem Vorgängerprojekt „Schmerzfreies Krankenhaus“: Demnach glauben 90 Prozent der Ärzte und Pflegende, nicht genug über Schmerzmanagement zu wissen. „Das zeigt uns, dass wir mit unserem Konzept auf dem richtigen Weg sind, um noch mehr Kliniken bei der Entwicklung eines nachhaltigen Schmerzmanagements zu unterstützten“, so der Experte von der Paracelsus Medizinischen Privatuniversität in Salzberg.
„Bereits am zweiten Arbeitstag werden ausnahmslos alle neuen Pflegekräfte im Schmerzmanagement geschult“, berichtet Martina Rettig, die als Pain Nurse im Clemenshospital die Stütze der stationären Schmerztherapie ist. Seit einem Jahr ist die Fachkrankenschwester für Anästhesie und Intensivpflege Schnittstelle zwischen Patient, Station, Chirurg und nachgeschalteten Maßnahmen: „Häufig endet die schmerztherapeutische Versorgung aber mit der Entlassung aus dem Krankenhaus. Daher ist es wichtig, die Betroffenen auch in der Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt zu versorgen.“
„Wo Schmerz den Alltag bestimmt, schwindet die Lebensqualität. Arbeit wird zur Qual, Freizeit zur Worthülse, die Familie leidet und schlimmstenfalls wird kostbare, verbleibende Lebenszeit zum Warten auf Erlösung degradiert. Gerade deshalb wollen wir mit unserem Projekt alle Betroffenen und Beteiligten für das Thema Schmerz sensibilisieren“, verdeutlicht Osterbrink.

Moderne Therapieverfahren und aktive Patientenbeteiligung

Allein im Jahre 2009 wurden in den Fachabteilungen des Clemenshospitals über 4300 Patienten operiert. 1030 Stunden haben sich die Anästhesisten und die Pain Nurse im Rahmen der Schmerzvisite um ihre Patienten gekümmert. Bei den operierten Patienten setzt des Team des Akutschmerzdienstes auf moderne Therapieverfahren: Regionalanästhesieverfahren mit Kathetern werden bereits intraoperativ zur Ausschaltung des chirurgischen Schmerzes benutzt und postoperativ so lange fortgesetzt, bis der Patient mit leichten Schmerzmitteln alleine zurecht kommt. Für zahlreiche Operationen stellt die Kombination einer Regionalanästhesie mit einer „leichten Vollnarkose“ ein für den Organismus wenig belastendes Verfahren dar. Nach der Operation sind die Patienten schneller wach und vor allem schmerzfrei.
Mit sogenannten PCA-Pumpen (Patient Controlled Analgesia = patientengesteuerte Schmerztherapie) können die Patienten ihre Schmerztherapie aktiv mitgestalten. Jederzeit können sie per Knopfdruck selbst bestimmen, wie viel Schmerzmittel sie sich zuführen. Die Sicherheitselektronik der Pumpe macht Überdosierungen unmöglich. Dieses Verfahren wird
stets von Anästhesisten des Akutschmerzdienstes überwacht. Auch bei der Beendigung der Therapie hat der Patient ein Mitspracherecht, die Pumpe wird probeweise, meist am vierten oder fünften Tag nach dem Eingriff, abgestellt. Sollten sich dennoch stärkere Schmerzen wieder einstellen, kann die Behandlung problemlos für einige Tage verlängert werden. Während des stationären Aufenthaltes werden die Patienten auch beraten, wie sie sich nach der Entlassung verhalten sollen und welche Schmerzmittel sie ggf. nehmen können.

Weniger Leidensdruck

Das beruhigt auch Mechtild Brinkschulte (68). Die Patientin am Clemenshospital kennt die Problematik. Schon vor ihrer Operation, bei der mittels Bauchschnitt am 7. Juli ein Teil der Leber entfernt wurde, fürchtete sie vor allem den Schmerz nach dem Eingriff. Durch das individuelle Schmerzmanagement mithilfe der PCA-Pumpe jedoch war sie schon im Aufwachraum schmerzfrei und fühlte sich besser als gedacht: „Ich bin seit der Operation schmerzfrei“, bestätigt Mechtild Brinkschulte, die auch mit der PCA-Pumpe sehr gut zu recht kommt. Schon sechs Tage nach der Operation ist sie auf Tabletten umgestellt, die ihr die Schmerzen nehmen. „Mir geht es sehr gut“, freut sich die Patientin.

Ein intensives Schmerzmanagement ist für alle Krankenhäuser Münsters obligatorisch, wie die erste Projektphase zeigte. „In Münsters Kliniken hat eine wunderbare Dynamik eingesetzt auf dem Weg zur schmerzfreien Stadt“, zeigt sich Osterbrink zufrieden mit der fast abgeschlossenen Ist-Evaluation. Alle Krankenhäuser der Westfalenmetropole zögen an einem Strang: „In allen münsterischen Kliniken wird dem Schmerzmanagement ein hoher Stellenwert eingeräumt. Wir sind sehr gespannt auf die Ergebnisse der ersten Projektphase und wie wir uns weiter verbessern können“, betont Scherer.

Konkrete Projektplanung

Neben den Krankenhäusern sind zehn Altenheime, 14 ambulante Pflegedienste, zwei Schmerzpraxen und beide Hospize in die Studie eingeschlossen. Erstmals wird über Institutionsgrenzen hinweg die komplexe Ver­sorgung von Schmerz­patienten innerhalb eines städtischen Gesund­heits­systems unter­sucht. Ärzte und Pflegepersonal werden ebenso einbezogen wie Patienten.

Auf Basis der Ergebnisse des Ist-Zustandes wird in der zweiten Projektrunde der auf drei Jahre angelegten Forschung nun ein Expertenteam Vorschläge zur Optimierung des Schmerz­managements erarbeiten. Internationale Qualitätsstandards aus Medizin und Pflege sind Basis des Vorschlagswesens.

Nach Implementierung dieser Optimierungen werden in der dritten Projektetappe dann alle Einrichtungen erneut einer Evaluation unterzogen. Fortbildungsangebote für niedergelassene Ärzte sowie Apotheker runden das Projekt ab. „Wir haben ein starkes Netzwerk in der Stadt. Wir hoffen spätestens 2013 sagen zu können, dass Münsters Schmerzversorgung beispielshaft in der Welt ist“, gibt Osterbrink die Marschroute aus, um Wissens- und Versorgungs­lücken an den Schnitt­stellen städtischer Gesundheits­einrichtungen zu schließen.

Weitere Informationen zum Projekt sind unter www.schmerzfreie-stadt.de abrufbar.

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