Die zugesagte Finanzspritze von 1,1 Mrd. Euro hilft nur kurzfristig meinen (v. l.): Dr. Christoph Hoppenheit (UKM), Stefan Kentrup (Raphaelsklinik, Clemenshospital), Dr. Ansgar Klemann (St. Franziskus-Hospital), Michael von Helden (EVK Münster) und Berthold Mathias (Herz-Jesu-Krankenhaus Hiltrup).
Die zugesagte Finanzspritze von 1,1 Mrd. Euro hilft nur kurzfristig meinen (v. l.): Dr. Christoph Hoppenheit (UKM), Stefan Kentrup (Raphaelsklinik, Clemenshospital), Dr. Ansgar Klemann (St. Franziskus-Hospital), Michael von Helden (EVK Münster) und Berthold Mathias (Herz-Jesu-Krankenhaus Hiltrup).

"Wir alle sind das Krankenhaus"

[16.05.2013]

Die Akut-Krankenhäuser in Münster befinden sich in einem wirtschaftlich schwierigen Jahr 2013. Die anhaltende Lücke zwischen der Entwicklung der Personalkosten infolge der Tariferhöhungen, den steigenden Energiepreisen durch die EEG-Umlage sowie den steigenden Versicherungsprämien auf der einen und den gesetzlich gedeckelten Vergütungspreiszuwächsen auf der anderen Seite bereitet den Geschäftsführern und Direktoren Sorge.

Die Krankenhäuser begrüßen deshalb das von Bundesregierung und den Koalitionsfraktionen geplante Maßnahmenpaket zur Entlastung der Einrichtungen, da finanzielle Hilfen für die Krankenhäuser dringend und kurzfristig notwendig sind. Immer mehr Häuser können ihre Kosten nicht decken. Im Zweijahreszeitraum 2013/14 beträgt die geplante Finanzspritze für alle deutschen Einrichtungen ca. 1,1 Mrd. Euro. Rein rechnerisch würde so jedem Krankenhaus knapp eine halbe Million Euro zur Verfügung stehen. „Wenn wir davon ausgehen, dass das Clemenshospital und die Raphaelsklinik rund 0,5 Mio. Euro erhalten, könnten wir von diesem Geld eine Woche alle Ärzte beider Hauser finanzieren“, macht der Geschäftsführer beider Einrichtungen, Stefan Kentrup, eine Beispielrechnung auf. Die tatsächliche Rechnung ist eine andere. Sie bedeutet, dass die in Aussicht gestellten Mittel nach Anzahl der Patienten auf die Krankenhäuser verteilt werden sollen. Kliniken mit vielen Fällen erhalten demnach mehr als Kliniken mit geringer Fallzahl, unabhängig von dem jeweiligen Behandlungsaufwand. Das widerspricht einer leistungsgerechten Finanzierung der Krankenhäuser.

Die Krankenhäuser sollen das zusätzliche Geld der Bundesregierung vor allem für die gestiegenen Personalkosten durch Tariferhöhungen verwenden. Die Krankenhäuser rechnen für 2013 mit einer tarifbedingten Kostensteigerung im Personalbereich von vier Prozent. Die Hälfte davon wird durch die gesetzlich vorgegebene Preissteigerung bei den Erlösen refinanziert. Für 2013 wäre von der verbliebenen Kostensteigerung von zwei Prozent lediglich ca. ein Drittel von der geplanten Finanzspritze abgedeckt, so dass weiterhin eine Finanzierungslücke bei den Krankenhäusern verbleibt. Die einmalig in Aussicht gestellten Mittel sollen den Krankenhäusern auch helfen, gesetzliche Neuregelungen umsetzen zu können. Unter anderem gelten neue Hygienevorschriften, das heißt Förderung der Einstellung und Ausbildung von zusätzlich geforderten Hygienefachkräften. Hier in Münster können die dringend benötigten Fachkräfte seit vergangenem Jahr an der „Westfälischen Akademie für Krankenhaushygiene“ am UKM ausgebildet werden. In Kooperation mit der Ärztekammer Westfalen Lippe werden Schulungen angeboten.

Einig sind sich die Geschäftsführer und Direktoren der münsterschen Akut-Krankenhäuser darüber, dass die einmalige Mittelbereitstellung der Bundesregierung nur ein Tropfen auf den heißen Stein bedeutet.

 

„Wir gehen davon aus, dass die Extragelder frühestens ab dem Spätsommer zur Verfügung stehen. Dann würden das Clemenshospital und die Raphaelsklinik nach einer ersten Berechnung und je nach Ausgang des sich nun anschließenden Gesetzgebungsverfahrens zusammen zwischen 500.000 und 600.000 Euro erhalten. Wir werden davon einen Teil der Personalkostensteigerung in Höhe von rund 3,3 Mio. Euro für das Jahr 2013 abfangen können. Die versprochenen Gelder vom Bund kann ich so nur als Almosen bezeichnen, erkenne aber positiv an, dass durch die Aktion ‚Wir alle sind das Krankenhaus‘ die wirtschaftlich angespannte Situation der deutschen Krankenhäuser den Fokus der Politik erreicht hat.“

Geschäftsführer der Raphaelsklinik und des Clemenshospitals, Stefan Kentrup

 

„In unserem Hause kalkulieren wir derzeit nicht mit einer sechsstelligen Summe an zusätzlichen Mitteln. Aufgrund der veränderten Situation in den tariflichen Strukturen und der teilweise enormen Steigerung bei den Sachkosten müssen wir allerdings von einer eher unzureichenden Finanzspritze ausgehen. Nehmen wir zum Beispiel die Summen, die wir als Krankenhaus für Versicherungen aufbringen müssen, haben sich diese im Vergleich zu den Vorjahren schlicht verdoppelt. Allein diese Erhöhung wird die erwarteten zusätzlichen Finanzmittel deutlich übersteigen.“

Kaufmännischer Direktor des EVK Münster, Michael von Helden

 

„Es müssen erst einmal die Kosten aus den zurückliegenden Tarifsteigerungen finanziert werden, auf denen die Krankenhäuser bisher aufgrund des unzureichenden vom BMG festgesetzten Kostenorientierungswertes (= Obergrenze für die Verhandlungen Budgetsteigerung) sitzen geblieben sind. Daher werden auch am Herz-Jesu-Krankenhaus keine zusätzlichen Stellen entstehen, sondern lediglich verhindert, dass Stellen gekürzt werden. Die Maßnahme ist punktuell und damit unzureichend. Nur eine grundsätzliche Änderung der Finanzierungsstruktur kann dauerhaft greifen.“

Geschäftsführer des Herz-Jesu-Krankenhaus Hiltrup, Berthold Mathias

 

„Die Behandlungskosten für die Patienten werden bereits im laufenden Jahr nicht ausreichend refinanziert. Die angedachte Splittung der finanziellen Unterstützung auf zwei Jahre führt dazu, dass im St. Franziskus-Hospitals in 2013 trotz des Maßnahmenpakets allein im Personalbereich eine Unterdeckung von 1 Mio. Euro verbleibt. Gleiches gilt für die Kostensteigerungen im Haftpflichtbereich sowie bei den Energiekosten, wo Unterdeckungen von insgesamt ca. 250.000 Euro verbleiben. Dieses muss durch Sparmaßnahmen in anderen Bereichen kompensiert werden. Die Möglichkeiten dazu sind aber begrenzt. So behindert zum Beispiel die anhaltend zu niedrige Investitionsfinanzierung durch die Bundesländer unsere Möglichkeiten zur Betriebskosten-Optimierung. Wir appellieren daher an die Politik, den Krankenhäusern wesentliche Teile des erst für 2014 vorgesehenen Zuschlages bereits im laufenden Jahr unbürokratisch und schnell zur Verfügung zu stellen.“

Kaufmännischer Direktor des St. Franziskus-Hospitals, Dr. Ansgar Klemann

 

„Allein für das UKM belaufen sich die Mehrkosten aufgrund von gesetzlichen und tariflichen Änderungen sowie Preissteigerungen in 2013 gegenüber dem Vorjahr auf über 12 Mio. Euro. Gegenfinanziert sind davon lediglich ca. 5 Mio. Euro. Unser Problem ist, dass wir als Universitätsklinikum genauso wie andere Häuser der höchsten Versorgungsstufe viele schwere Krankheitsfälle behandeln und deshalb in dem Gesetzentwurf massiv benachteiligt werden. Die im Hilfspaket vorgesehenen Mittel sollen ja pauschal pro Krankenhausfall zugewiesen werden. Das heißt, es ist egal, ob es sich um ein Frühchen handelt, das mit maximalem Aufwand versorgt wird, oder um eine Blinddarmoperation. Unabhängig von dieser ungerechten Verteilung bleibt festzuhalten, dass auch die Gelder für die kleineren Krankenhäuser bei weitem nicht ausreichen.“

Kaufmännischer Direktor des Universitätsklinikums Münster, Dr. Christoph Hoppenheit