Interventionelle Radiologie

Unter interventioneller Radiologie versteht man Eingriffe, bei denen ein Radiologe mit Hilfe bildgebender Verfahren (meistens Röntgentechnik, seltener Ultraschall oder Kernspintomographie) therapeutische Maßnahmen am Patienten durchführt. Der Vorteil solcher Verfahren gegenüber z. B. chirurgischen Eingriffen ist, dass sie, wenn nötig, in Lokalanästhesie durchgeführt werden können und dem Patienten im Allgemeinen eine Narkose erspart bleibt. Auch lässt sich der Erfolg eines Eingriffs meist schon unmittelbar absehen. Umgekehrt lassen sich unbefriedigende Untersuchungsergebnisse oft schon während des Eingriffs erkennen und ggf. korrigieren.

Abwägung: Risiko/Nutzen

Unbedingte Voraussetzung zur Anwendung interventionell-radiologischer Verfahren (wie auch jedes anderen diagnostischen oder therapeutischen Verfahrens) ist die korrekte Indikationsstellung. Das bedeutet, dass der Radiologe vor dem Eingriff feststellen muss, ob das mit der Intervention verbundene mögliche Risiko nicht größer ist als ihr therapeutischer Nutzen. Außerdem ist immer abzuwägen, ob nicht eine alternative Methode auf gefahrloserem Weg das gleiche Resultat erbringen kann. Dies kann häufig erst im Gespräch mit dem Patienten geklärt werden. Da ist das ärztliche Aufklärungsgespräch, in dem über die möglichen Risiken und die zu erwartenden Ergebnisse gesprochen wird, vor einer interventionellen Maßnahme unerlässlich.

In der radiologischen Abteilung wird ein breites Spektrum an interventionellen Eingriffen angeboten und routinemaessig durchgeführt. Einige der bekanntesten Interventionsmöglichkeiten in der Radiologie sollen im Folgenden näher erklärt werden:

Angioplastie (Gefäßerweiterung)

Die Angioplastie (Gefäßerweiterung) ist eine Methode, ein z. B. durch Arteriosklerose verengtes oder gar verschlossenes Blutgefäß wieder durchgängig zu machen und die Durchblutung der abhängigen Körperpartien zu verbessern. Dazu wird ein Katheter (dünner Plastikschlauch) mit einem kleinen Ballon an seiner Spitze in das Gefäß eingebracht und mit dem Ballon in Höhe der Verengung bzw. des Verschlusses platziert. Dann wird der Ballon mit einer Flüssigkeit „aufgeblasen“ und die Gefäßlichtung aufgeweitet. Anschließend wird die Flüssigkeit wieder aus dem Ballon abgelassen und der Katheter entfernt. Erkennt man in der anschließenden Kontrolle, dass das Ergebnis der Gefäßaufweitung nicht befriedigend ist, kann u. U. die Implantation eines Stentes notwendig sein. Ein Stent ist ein zylindrisch geformtes Metallgeflecht, welches in Höhe der Gefäßverengung platziert wird, und das Blutgefäß wie eine Feder offen hält. Stentplatzierungen sind insbesondere bei verengten Nierenarterien und Halsschlagadern sinnvoll.

Thrombolyse

Ist ein Gefäß durch ein Blutgerinnsel frisch verschlossen (man spricht von einer Embolie oder einer Thrombose), kann mit einer Thrombolyse versucht werden, eine Wiedereröffnung des Gefäßes zu erreichen. Dazu wird wieder ein Katheter in das betroffene Gefäß eingebracht und mit der Spitze vor dem Embolus bzw. Thrombus platziert. Dann werden über den Katheter hochdosiert lysierende (auflösende) Medikamente gegeben, die direkt am Ort des Verschlusses wirken und das Blutgerinnsel auflösen sollen.

Embolisation

Gelegentlich kann auch das umgekehrte Vorgehen erwünscht sein. Bei der Embolisation wird gezielt ein Gefäß verschlossen. Dies kann zum Beispiel bei einer sonst unstillbaren Blutung notwendig sein oder um die Blutversorgung eines Tumors zu reduzieren. Das Verfahren kann z. B. bei (gutartigen) Knoten in der Gebärmutter (Myome) angewendet werden, wenn diese Beschwerden verursachen. Auch bei Krampfadern des Hodens (Varicocele) wird dieses Verfahren eingesetzt. Ein weiteres Anwendungsgebiet der Embolisation ist der Verschluss von so genannten arterio-venösen Malformationen. Das sind Kurzschlussverbindungen zwischen Arterien und Venen die zum Beispiel im Kopf Auslöser für Ohrgeräusche, häufige Kopfschmerzen Missempfindungen oder gar epileptische Anfälle sein können.

Portanlage

Patienten, die längerfristig intravenös mit Medikamenten (z. B. Chemotherapie) behandelt werden müssen, können von einer Portanlage profitieren. Dabei wird in Lokalanästhesie eine zirka ein Zentimeter große Kammer unter der Haut am Oberarm eingepflanzt. Ein an der Kammer angebrachter kleiner Schlauch endet in der oberen Hohlvene. Über diesen Port lassen sich dann langfristig intravenös Medikamente geben, auch wenn der Patient „schlechte“ Venen hat. Ein kurzfristiger venöser Zugang ist mittels eines zentralen Venenkatheters (ZVK) möglich. Hierbei wird ein dünner Plastikschlauch über eine Vene am Hals in die obere Hohlvene vorgebracht. Wegen des hier erhöhten Infektionsrisikos ist diese Art des venösen Zuganges aber der kurzfristigen Versorgung des Patienten vorbehalten. Permanent verbleibende, großlumige Katheter zur Blutwäsche (Dialyse) bei schlechter Nierenfunktion  können ebenfalls mit interventioneller Technik eingepflanzt werden. Hierbei verläuft der Katheter über eine kurze Strecke unter der Haut, bevor er in eine Vene eintritt. Dies schützt vor Entzündungen und Verlagerungen des Katheters.

Gallengangsdrainage

Leidet ein Patient an einem Ikterus (Gelbsucht) aufgrund eines Gallengangsverschlusses, der (z. B. nach Magenoperation) nicht endoskopisch zu beheben ist, kann eine Gallengangsdrainage Abhilfe schaffen. Dabei wird ein Katheter durch die Haut in das aufgeweitete Gallengangssystem vorgebracht, so dass die Gallenflüssigkeit nach außen abfließen kann. Ggf. kann in einer zweiten Sitzung dann über diesen Zugangsweg auch ein Stent in den Gallengang eingebracht werden, so dass dann die Galle wieder auf natürlichem Weg abfließen kann. Ähnlich kann man auch bei einem Harnaufstau der Niere verfahren (Nephrostomie).

Gastrostoma

Kann ein Patient wegen einer Enge in der Speiseröhre oder nach einem Schlaganfall auf normalem Weg keine Nahrung mehr zu sich nehmen, kann die Ernährung über ein Gastrostoma erfolgen. Dabei wird ein Plastikschlauch (Sonde) unter Röntgenkontrolle durch die Bauchhaut in den Magen vorgebracht. Normalerweise kann schon am Tag nach dem Eingriff mit der Ernährung über diese Sonde begonnen werden. Da die Sondenanlage in Lokalanästhesie durchgeführt wird, ist sie für den Patienten wenig belastend und schmerzfrei.

Biopsie

Vor der Therapie eines Tumors muss festgestellt werden, um welchen Tumor es sich handelt. Nur so ist eine optimale Therapie möglich. Gewebeproben des Tumors lassen sich über eine Biopsie gewinnen. Dabei wird der Tumor mittels Ultraschall (oder bei komplizierter Tumorlokalisation auch mit Computertomographie) dargestellt und dann unter kontinuierlicher Kontrolle eine Nadel zur Gewebeentnahme an den Tumor geführt. Durch die permanente Sichtkontrolle ist man nicht nur sicher, dass das entnommene Gewebe wirklich aus dem Tumor stammt, sondern man kann auch die Gefahr der versehentlichen Verletzung benachbarter Organe bestmöglich vermeiden. Die so gewonnene Gewebeprobe wird unmittelbar der feingeweblichen Untersuchung zugeführt.