Hirntumore – ein Update

24.06.19, Clemenshospital

Gemeinsame Fortbildungsveranstaltung der Klinik für Neurochirurgie, des Neuroonkologischen Zentrums Clemenshospital sowie der Fortbildungsakademie der Ärztekammer Westfalen Lippe

Am 15. Juni veranstalteten die Klinik für Neurochirurgie, das NZC – Neuroonkologisches Zentrum Clemenshospital für die Fortbildungsakademie der Ärztekammer Westfalen Lippe im Hotel Mövenpick eine Fortbildung zum Thema „Hirntumore – ein Update“. Trotz sommerlicher Temperaturen war die Veranstaltung vollständig ausgebucht, wobei die ärztlichen Kollegen teils auch eine längere Anreise in Kauf genommen hatten. Da sich auch die Neuroonkologie in den letzten Jahren sprunghaft entwickelt hat, stellten Prof. Dr. Uta Schick, Chefärztin der Neurochirurgischen Klinik, Prof. Dr. Werner Paulus (Neuropathologie), Priv.-Doz. Dr. Jan Kriz (Chefarzt der Klinik für Strahlentherapie), Dr. Daniel Winkelmann (Radiologie/Neuroradiologie), Dr. Gregor Dresemann (Onkologie), Priv.-Doz. Dr. Martin Ritter (Neurologie) sowie weitere Kolleginnen und Kollegen der Klinik für Neurochirurgie neue wissenschaftliche Erkenntnisse und Techniken ihrer Fachgebiete vor, und boten einen Ausblick auf zukünftige Entwicklungen.

Paulus beleuchtete die aktuelle WHO-Klassifikation der Hirntumoren, die zunehmend auf molekulargenetische Untersuchungen angewiesen ist, bis hin zu umfassenden Genomanalysen. Dadurch sind alte Entitäten verschwunden, neue wurden definiert, neben dem besseren Verständnis der Tumorgenese dienen diese Analysen aber auch der besseren Zuordnung von Patienten zu therapeutischen Konzepten. Schick unterstrich die Bedeutung moderner diagnostischer Verfahren wie die des Fibertrackings, das die Darstellung z. B. motorischer Bahnen ermöglicht und in Verbindung mit der 3D-Bildanalyse eine präoperative Planung des besten Zugangswegs erlaubt. Intraoperativ können, unterstützt durch die Neuronavigation, wichtige Strukturen in Nachbarschaft des Tumors so geschont werden.

Der Gedanke der Interdisziplinarität im OP wurde dargestellt durch Dr. Bernd Hoffmann am Beispiel von Tumoren im Grenzgebiet zwischen Neurochirurgie und MKG-Chirurgie. Dabei wurden kosmetisch ansprechende einzeitige Rekonstruktionen mit Implantaten, die in CAD/CAM Technik geplant und gefertigt wurden, präsentiert. Weitere Vorträge beschäftigten sich mit der Leitlinie für niedriggradige Gliome (Dr. Matthias Leunert), der Wachkraniotomie (Dr. Caroline Weßling), welche in der neurochirurgischen Klinik routinemäßig bei der OP von Tumoren in hoch eloquenten Regionen zur Anwendung kommt, sowie der Bedeutung moderner Antiepileptika bei Tumor assoziierten Epilepsien (Ritter).

Die Response Assessment in Neurooncology (RANO)-Kriterien wurden von der Deutschen Krebsgesellschaft als verbindlich für die bildgebende Verlaufskontrolle in neuroonkologischen Zentren festgelegt, neben deren Erklärung ging Winkelmann auch auf die bekannten Probleme Pseudoprogress, Pseudoremission und Radionekrose ein, die sich erst im Verlauf oder bioptisch sichern lassen.

Einen wichtigen Aspekt beleuchtete Leri Liparteliani: Langzeitüberleben bei Glioblastomen, was man noch vor zehn Jahren als nahezu ausgeschlossen betrachtete, ist heute durch Operation, Strahlen- und Chemotherapie durchaus in Einzelfällen möglich. Über die Studienlage zur Anwendung von Methadon berichtete Dresemann und beendete den Mythos der Wirksamkeit gegen Hirntumoren, die nur in Zellkulturen nachzuvollziehen war. Kriz schilderte die Bedeutung der Hippocampusaussparung bei der Ganzhirnbestrahlung zur effektiven Reduktion kognitiver Einbußen. Da die Ganzhirnbestrahlung bei insbesondere multipler Metastasierung immer noch eine zentrale Bedeutung hat, bietet das Verfahren in einer palliativen Behandlungssituation einen deutlichen Gewinn an Lebensqualität für die Patienten.

Auf die Bedeutung des neuen intraoperativen Visuell Evozierte Potentiale (VEP)-Monitorings wies Jule Eising hin, Calero Martinez schilderte als Special Case die Operation eines ausgedehnten Ependymoms WHO Grad II bei einem Kind.
Insgesamt zeigte die Veranstaltung, in welchem Maße Forschung Einzug in die klinische Praxis gehalten hat, Krankheiten besser verstanden und behandelt werden können, und die Interdisziplinarität in einem neuroonkologischen Zentrum zur Verbesserung von Diagnose und Therapie, Überlebenswahrscheinlichkeit und Lebensqualität geführt hat.

Text & Bild: Neurochirurgische Klinik