Ein guter Draht nach oben

17.12.19, Clemenshospital

Wenn die Clemensschwester Lucella Südkamp einen Schutzengel hat, dann hat er an diesem frühen Morgen Überstunden gemacht. „Ich bin wie immer um sechs  Uhr aufgestanden, wollte mich anziehen und bin plötzlich vom Stuhl gefallen“, erinnert sich die 78-Jährige. Bei vollem Bewusstsein konnte sie um Hilfe rufen und die kam auch sofort in Gestalt ihrer Mitschwester, die im Zimmer nebenan wohnt. Als Krankenschwestern wussten sie sofort, was zu tun ist und alarmierten die Ambulanz im benachbarten Clemenshospital. Nach wenigen Minuten wurde sie dort von den Ärzten untersucht, die schnell die richtige Diagnose stellten: Schlaganfall.

„Die Symptome können unterschiedliche Ursachen haben. Außer einem ‚Hirninfarkt‚ durch ein verschlossenes Blutgefäß kommt immer auch eine Hirnblutung in Frage“, erläutert Priv.-Doz. Dr. Martin Ritter, Chefarzt der Klinik für Schlaganfall- und Beatmungsmedizin. Die Unterscheidung ist unverzichtbar für die weitere Behandlung, abklären lässt sich die genaue Ursache nur mit Hilfe moderner Technik. Zunächst wurden im Computertomografen (CT) mit einem Kontrastmittel das Gehirngewebe und die versorgenden Blutgefäße untersucht. Das Ergebnis war eindeutig, es lag ein verstopftes Gefäß vor. „Es gibt bei einem Schlaganfall durch ein verstopftes Gefäß zwei Vorgehensweisen, das Auflösen der Verstopfung mit einem Medikament, das als Infusion gegeben werden kann, oder das Herausziehen des Pfropfens mit einem dünnen Katheter. Man kann auch beide Verfahren kombinieren“,  erklärt Dr. Philipp Mennemeyer, Oberarzt der Klinik für Neuroradiologie. „Die Entscheidung, welches Verfahren zur Anwendung kommen kann, wird interdisziplinär im konkreten Einzelfall entschieden“ ergänzt Ritter. Schwester Lucella nahm bereits stark blutverdünnende Medikamente ein, daher kam eine zusätzliche Gabe blutverdünnender Substanzen nicht in Frage.

Jetzt schlug die Stunde der interventionellen Neuroradiologie im Clemenshospital.  Zunächst wird eine Angiografie durchgeführt, mit der Blutgefäße und der Ort des Verschlusses dreidimensional und in Echtzeit dargestellt werden können. „Über die Leiste sind wir mit dem Katheter bis zum Thrombus im Gehirn vorgedrungen und haben unter Narkose das Blutgerinnsel einfach abgesaugt“, berichtet Mennemeyer und fügt lächelnd hinzu: „In dem Katheter ist anfangs ein sehr dünner Draht. Man könnte sagen, dass die Patientin einen guten Draht nach oben hatte!“ Der Chefarzt der Klinik für Neuroradiologie, Dr. Thomas-Ulrich Niederstadt, hat eine Vermutung, warum sich bei der Ordensschwester ein Blutgerinnsel gebildet hat, obwohl sie gerinnungshemmende Medikamente nimmt: „Schwester Lucella musste die Tabletten kürzlich absetzen, weil sie eine Untersuchung hatte. In der Zeit ist der Thrombus vermutlich entstanden und hat sich später, als sie die Medikamente wieder eingenommen hat, gelöst“. Eine häufige Ursache, wie der Experte erklärt. Nachdem das Blutgefäß wieder frei war, ging es Schwester Lucella rasch besser.

„Alles ging sehr schnell, das war mein Glück“, ist sich die ehemalige Krankenschwester sicher. Rund anderthalb Stunden nach ihrem Hilferuf war die Verstopfung bereits behoben, nach einem Tag waren die Lähmungen der linken Körperhälfte so gut wie verschwunden und nach weiteren 24 Stunden konnte Schwester Lucella wieder über den Krankenhausflur gehen und selber kranke Bekannte besuchen. “Meine Mitschwestern haben sich gewundert, wie schnell das ging“, berichtet die Ordensschwester. „Zeit ist ein sehr wichtiger Faktor, wenn es um die Behandlung von Schlaganfällen geht“, betont Neurologe Ritter, da mit jeder Minute, die verstreicht, Gehirnzellen unwiederbringlich zugrunde gehen.

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